Laß die Sterne oben, Baby! Lady Jane /  23 07 2006 - 21:12

Ich arbeite mich durch den Stapel Scott Fitzgerald. "Der große Gatsby" ist genial, brilliant, einmalig. Als ich das Buch mit 17 zum ersten Mal gelesen habe, hab ich nicht die Bohne kapiert. Ich fand es schwülstig und dumm, daß sich ein Mann für eine Frau so aufreibt. Es war weder eine richtige Liebesgeschichte, es blieb ja alles im Ansatz stecken, noch eine Gangstergeschichte – hab damals ja auch viel Hammett und Chandler gelesen.
Gefühl für etwas differenziertere Ironie und pastellfarbenen Sarkasmus hatte ich damals nicht die Bohne.
Jetzt "Die Schönen und die Verdammten". Komischer Roman, zerbricht wie ein kubistisches Gemälde. Teils Experimentierstrecke, teils Fitzgeralds Hochglanzprosa aus den Kurzgeschichten, teils ganz üble Durchsacker in Drittklassigkeit.

Die Texte sind mittlerweile 80 Jahre alt. Zu merken höchstens daran, daß nicht über Sex sondern über erotische Situationen geschrieben wird. Was nicht das Schlechteste ist, weil die Aufmerksamkeit tatsächlich bei den Figuren bleibt und nicht die Phantasie spazieren geschickt wird.

Ich würds so gern im Original lesen. Schon, um zu wissen, ob die Sprache tatsächlich so modern ist oder nur die Übersetzung.
Das ist mir bei Dos Passos so aufgefallen. Die Ausgabe von "Manhattan Transfer", die ich vor über 20 Jahren gelesen habe, war sprachlich moderner, als die, die jetzt auf meinem Nachttisch liegt. Die wimmelt von Slang-Begriffen und Dialekten, die keine Sau mehr kennt.

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30 Jahre später Elvira /  2 03 2006 - 23:38

Habe ich "La dolce vita" noch einmal gesehen. Und bin genau so erschüttert wie an dem Tag, als ich zum ersten Mal für den Abendfilm im Fernsehen aufbleiben durfte.
In der Kühnheit der Moderne – Tempo/Stil/Aufbruch – bekomme ich etwas atemberaubend Schönes gezeigt und gleichzeitig wird mir die Zerstörung und Banalisierung dessen vorgeführt. Was bleibt am Ende? Der Ausblick auf ein junges Mädchen.
Meine Identifikationsfigur? Maddalena, Anouk Aimee, düster, kompromißlos und doch sensibel und zugewandt.
Ich habe lange keinen Schwarzweiß-Film ästhtetisch so faszinierend gefunden. Nichts ist zufällig, kein Hell, kein Dunkel, kein Gegenstand.
Mir fällt auf, daß Melancholie noch ein zugelassenes Gefühl war, wenn auch vorwiegend hinter vorgehaltener Hand darüber geredet wurde. Heute ist dieses Gefühl endgültig im Bereich des Pathologischen gelandet, heißt Depression und es gibt Medikamente dafür. Wir haben die Schraube der Spaßgesellschaft noch weiter angezogen. Süßer kann ein Leben nicht mehr sein. Allzeit bereit zur Freude

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30 Jahre später Elvira /  3 02 2006 - 23:38

Habe ich "La dolce vita" noch einmal gesehen. Und bin genau so erschüttert wie an dem Tag, als ich zum ersten Mal für den Abendfilm im Fernsehen aufbleiben durfte.
In der Kühnheit der Moderne – Tempo/Stil/Aufbruch – bekomme ich etwas atemberaubend Schönes gezeigt und gleichzeitig wird mir die Zerstörung und Banalisierung dessen vorgeführt. Was bleibt am Ende? Der Ausblick auf ein junges Mädchen.
Meine Identifikationsfigur? Maddalena, Anouk Aimee, düster, kompromißlos und doch sensibel und zugewandt.
Ich habe lange keinen Schwarzweiß-Film ästhtetisch so faszinierend gefunden. Nichts ist zufällig, kein Hell, kein Dunkel, kein Gegenstand.
Mir fällt auf, daß Melancholie noch ein zugelassenes Gefühl war, wenn auch vorwiegend hinter vorgehaltener Hand darüber geredet wurde. Heute ist dieses Gefühl endgültig im Bereich des Pathologischen gelandet, heißt Depression und es gibt Medikamente dafür. Wir haben die Schraube der Spaßgesellschaft noch weiter angezogen. Süßer kann ein Leben nicht mehr sein. Allzeit bereit zur Freude

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Grüße aus Absurdistan GI Jane /  11 07 2005 - 22:40

Schleichwerbung allüberall. Oliver Kalkofe witzelt schon, daß selbst die Tagesschau Schleichwerbung für piefige Klamotten macht.
Nun geht die Angst bei den Machern von Fernsehserien um. Ärzte, die einst BMW gefahren sind, benutzen nun das Fahrrad, jede Schrift gut abgeklebt selbstverständlich. (O-Ton Regie: In meiner Folge gibt es keine Autos, ich bin doch nicht verrückt!)
Häuserfassaden, Menschenströme, Straßenverkehr: sanktioniert. Außendrehs finden in Kleingartensparten statt. Hier stehen nur Lauben und Bäume und es kommen keine Zufallspassanten vorbei und tragen womöglich eine Adidas-Tasche durchs Bild, kein Versicherungsschild blitzt an der Fassade…
Wenn das Schleichwerbungsverbot konsequent befolgt würde, müßten demnächst im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nackte Darsteller in der Prärie an einem Feuer sitzen und über Belanglosigkeiten sprechen…

Und GI Jane versichert, keinen Pfenning für die Erwähnung von Markennamen bekommen zu haben

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Am Ende GI Jane /  1 07 2005 - 20:57

EROS, der letzte Film von Michelangelo Antonioni. Für jeden, der nicht wahrhaben will, dass wir alle ein Ende finden werden, uns zu diesem Ende hin entwickeln, wie wir uns zu unserem Lebenszenit hin entwickelt haben: mit Hilflosigkeit, Suche, Fehlern, wahrscheinlich der schlechteste Film der Welt.
Für die, die es aushalten, dass ein 89jähriger, halbseitig gelähmter, halb blinder und sprachloser Mann seinen letzten Film an die Welt gegeben hat, ein schmerzhafter und schöner Abgesang. Ganz in der Art des Meisters, der uns mit seinem gnadenlosen Blick nie die Wahrheit erspart hat. Der uns unsere Wünsche und Sehnsüchte zeigte und sie in die Welt hinausschickte, wo sie langsam in der Sonne bleichten und im Wind des Lebens zerfielen.
Was ist geblieben? Kaum noch Auflösung, eher lebende Bilder, eine sehr statische Kamera. Bilder in der Art des frühen Picasso und Majoll (wird der so geschrieben?). Das Thema? Frauen. Nackt, mit Brüsten, Flanken und Schenkeln. Nicht jung, nicht sanft, nicht hingabevoll. Frauen in der Mitte des Lebens, fordernd, zänkisch, lüstern. Der Mann ist nur Werkzeug. Christopher Buchholz ist anwesend bei der Aufführung und erzählt vom Casting und den Dreharbeiten. Daß Antonioni von ihm eine Erektion verlangt hat und „real hard work“, um gleich darauf zu beruhigen: es sei nichts davon zu sehen. Er spielt nur das Instrument. Die Musik machen die Frauen.
Darauf also reduziert sich die Kunst eines alten Mannes, der dem Tod entgegengeht. Ein letzter Blick auf die Erotik und das, was einmal möglich war.
Es wäre interessant, zu wissen, was dereinst eine Regisseurin als letzte Arbeit einer sehr späten Phase präsentieren wird. Wird uns Kathryn Biegelow die Leben ihrer ungeborenen Kinder erzählen?
Die beiden anderen Filme, die dazu kamen, um den 20 Minuten dauernden Antonioni abendfüllend und marktfähig zu machen tragen zwar große Namen, sind aber nicht mehr als unterhaltsame, gut ausgestattete Fingerübungen. Stephen Soderbergs Equilibrium ist eine kleine Komödie im Stil der schwarzen Serie, die Robert Downey jr. einmal ganz anders zeigt. Wong Kar-Weis Manos präsentiert Gong Li als grausame Kokotte und übermittelt die wichtige Weisheit: Wenn du dir einen Mann hörig machen willst, dann greife ihm zwischen die Schenkel, streichele seinen Hintern, um dann, ohne abzusetzen, die Hand an den Mittelpunkt des Verlangens zu lenken und die Arbeit zu vollenden. Und wer nicht begriffen hat, wie es funktioniert, sehe sich den Film an.
GI Jane

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